Zeitreise

Zeitreise in die Erdgeschichte von Weinheim

Landschaft des Rotliegend

(vor ca. 280 Mio. Jahren)

Weinheim und sein weiteres Umfeld bieten die seltene Gelegenheit einer Zeitreise in die erdgeschichtliche Vergangenheit der Region. Sie brauchen nur wenig Fantasie, um sich die Verhältnisse vor etwas mehr als 30 Millionen Jahren vorzustellen. Die heutige Oberflächengestaltung der Landschaft ist wieder so ähnlich herausmodelliert, wie sie wohl damals ausgesehen haben mag. An einem heißen Sommer- oder Spätsommertag in Weinheim brauchen Sie sich nur noch eine subtropische Vegetation vorzustellen und vor allem ein Meer mit idealen Badetemperaturen... und schon sind Sie mitten drin – im Zeitalter des Oligozän! Doch halt, bevor Sie sich eventuell mit einem virtuellen Kopfsprung in die Wellen werfen, sollten wir uns erst einmal über die damaligen Verhältnisse und die Meeresbewohner unterhalten.

Das Tal von Weinheim ist im Oligozän eine Meeresbucht an der Ostküste der Vorholz-Halbinsel, die weit in das Meer des Mainzer Beckens ragt. Das Meer ist von Norden über die Hessische Straße (etwa die Linie Kassel – Frankfurt/M.) vorgestoßen. Von Süden ist das Meer evtl. aus der Mittelmeer-Region über das Alpenvorland und den Rhone-Graben in den absinkenden Oberrhein-Graben eingedrungen und damit auch in das Mainzer Becken (etwa das heutige Rheinhessen) und hat die Landschaft überflutet.
Das umgebende Festland der Weinheimer Bucht setzt sich aus Sand- und Tonsteinen sowie aus vulkanischen Gesteinen zusammen, die vor etwa 280 Millionen Jahren im Rotliegend-Zeitalter gebildet wurden. Gegen diese Küste branden später, im Zeitalter des Oligozän (vor etwa 30 Millionen Jahren) die Wellen und bilden in der Weinheimer Bucht Felsküsten und flache Sandstrände mit einer reichen Unterwasser-Lebewelt.

Im Brandungsbereich sitzen an den Felsen dickschalige Austernkolonien der Art Pycnodonte callifera. Sie bevorzugen bewegte Meereszonen. Ebenfalls einen festen Untergrund benötigt die nahezu kreisrunde, im Durchmesser etwa 3 cm große, Austern-ähnliche Muschel Chama weinheimensis. Ihren wissenschaftlichen Namen hat sie nach Alzey-Weinheim erhalten. Stachel-Austern (Spondylus) haben sich in Felsspalten eingenistet. In etwas ruhigeren Bereichen sind große Schinkenmuscheln (Isognomon) festgeheftet. Die für die Region typischen Samtmuscheln (Glycymeris) leben im Sand des Meeresbodens. Auf Geröllen und Austernschalen finden wir unregelmäßig gekrümmt aufgewachsene Röhren von Wurmschnecken und Röhrenwürmer, die mit ihren bunten Tentakelkränzen Nahrung aus dem Wasser filtern. Die große Vielfalt an Mikro-Organismen wie Lochkammertierchen (Foraminiferen) und Muschelkrebschen (Ostracoden) ist mit dem bloßen Auge kaum sichtbar. Diese winzigen Tierchen leben teilweise im Sand, auf der Oberfläche des Meeresbodens, auf Muschelschalen, Wasserpflanzen oder sonstigen Substraten. Wieder andere Formen bewegen sich im freien Wasser. Es gibt eine große Formenvielfalt an Meeresschnecken, wie die bis zu Faustgröße und mehr erreichenden Raubschnecken. In großer Zahl haben sich Einzelkorallen (Balanophyllia) und Seepocken (Balanus) auf Felsen, Steinen oder Austernschalen festgeheftet.

Glitzernde Fischschwärme ziehen durch das lichtdurchflutete Flachwasser. Vereinzelt patrouilliert ein Hai auf der Suche nach Beute durch die Bucht. Majestätisch zieht ein großer Rochen vorbei. Außerhalb der Bucht, im offenen Meer, kommen mindestens 28 Hai- und Rochen-Arten vor. Viele davon sind zwar für den Menschen ungefährlich, aber einige von ihnen haben doch eine beachtliche Größe. So wird der vermutliche Vorfahre des Weißen Hais, der Carcharocles angustidens, um die 8 Meter lang. Seine Zähne sind Handteller-groß. Also, Vorsicht beim Baden! Besonders dann, wenn zeitreisende Angler in der Nähe sind. Denn die großen Haie werden durch das Zappeln gefangener Fische magisch angezogen.

In Küstennähe treffen wir auf Zackenbarsche, Dorsche, Meerbrassen, Papagei- und Lippfische und Kreuzwelse. Manchmal huscht ein Knurrhahn oder eine Panzer-Groppe über den sandigen Meeresboden.

Aus den Tangwäldern und Seegraswiesen der seichten Zonen taucht hin und wieder ein etwa 3 m langes Exemplar der Seekuh Halitherium schinzii auf. Mit seiner großen weichen Schnauze weidet es Wasserpflanzen ab. Dabei werden Wolken des sandig-schlammigen Untergrundes aufgewühlt.

Am flachen Sandstrand eines in die Bucht einmündenden Flüsschens scheint ein Krokodil in der Sonne zu dösen. Aber der Anschein trügt. Es ist hellwach. Sobald es eine Beute entdeckt hat, wird es sich blitzartig in Bewegung setzen.
Eine kleine Rotte von Schweinevorläufer wühlt im weichen Boden des nahegelegenen Sumpfwaldes nach Fressbarem. Sie interessieren sich nicht für die Schildkröte am Rande des Tümpels, denn wenn sie in ihre Nähe kommen, zieht sie sich in ihren stabilen Panzer zurück und ist damit nicht zu knacken.

An sonnigen Tagen weht eine leichte Brise über die Bucht und die Wellen laufen sanft an die Strände. Allerdings bleibt das Wetter nicht immer so freundlich. Manchmal türmen sich düstere Wolken am Horizont und verdecken die Sonne. Dann frischt der Wind über der Bucht auf und es zeigen sich die ersten Schaumkronen. Das vorher grünlichblaue Wasser wechselt in dunkle Farben. Bald jagt der Sturm Regen über die Region. Hohe Brecher schlagen an die Strände, wirbeln Sand und Geröll auf und peitschen das Sediment über die Klippen. Der Rückstrom reißt Sand mit sich und spült ihn in tiefere Teile der Bucht. Bäume in Strandnähe werden entwurzelt und stürzen ins Meer. Durch die heftige Brandung werden Austern von den Felsen gerissen, Samtmuscheln aus dem Sand ausgewaschen und zu Muschelpflaster zusammengespült. Ein Großteil von Muscheln, Schnecken und der festsitzenden Formen im Flachwasser fällt dem Sturm zum Opfer. Nachdem der Sturm sich gelegt hat, wandern Jungformen und Larven in die freigewordenen Nischen ein und besiedeln sie von neuem.

Diese Szenarien können Sie an den ehemaligen Sandgruben von Weinheim nachvollziehen. Sie enthalten als Dokumente der Erdgeschichte Nachweise für die Entwicklungsgeschichte der Region.

 

Oberrheingraben (vor ca. 30 Mio Jahren)

Quelle: SWR

Quelle: Dr. Kuhn

Mainzer Becken (vor ca. 30 Mio Jahren)

Quelle: SWR

Quelle: Dr. Kuhn

Hinweis an Besucher:
Wir wollen die Geotope in Weinheim auch noch späteren Generationen erhalten. Bitte respektieren Sie die Zäune. Sie dienen nicht allein dem Schutz der Aufschlüsse, sondern auch der Schutz von Interessierten vor möglicherweise herabstürzenden Felsen. Verhalten Sie deshalb nach dem Motto:

Anschauen: JA
Graben nach Fossilien: NEIN

Filme zum Download: