Hist. Abhandlung

Abhandlung von 1687 über Alzeyer Fossilien

J. D. GEYER'S Abhandlung von 1687 über Alzeyer Fossilien.

Von THEO SCHELLMANN, Hanau.

Schon mehrfach haben Exkursionen der Wetterauischen Gesellschaft in das Gebiet um Alzey mit seinen berühmten fossilreichen Teritäraufschlüssen geführt. Deshalb wird von einigem Interesse sein, wie die älteste Druckschrift, die sich ausführlicher mit diesen Bildungen befaßt, sie gedeutet hat. Es handelt sich um eine im Jahre 1687 erschienene Abhandlung des kurpfälzischen Arztes Dr. JOHANN DANIEL GEYER (auch GEIER). Dieser war zuvor einige Jahre lang in Alzey tätig gewesen, kannte also die Gegend aus eigener Anschauung.

Dem gelehrten Brauch seiner Zeit entsprechend hat GEYER in lateinischer Sprache geschrieben, mit Hinweisen auf antike Schriftsteller wie ARISTOTELES und PLINIUS nicht gespart und seiner Arbeit einen aus heutiger Sicht recht seItsamen Titel gegeben. Nach diesem ist die Druckschrift nämlich Apollo (als Heilgott) gewidmet und soll ein heilsames Dreigespann aus dem Tier-, Mineral- und Pflanzenreich darstellen. Jeder der drei Hauptabschnitte hat wieder einen eigenen Untertitel und eigene Seitenzählung. Im ersten, "de Cantharidibus", geht es um Spanische Fliegen und im dritten, "de Dictamno", um Diptamgewächse, also um Dinge, die auch in der Heilkunde späterer Jahrhunderte noch eine Rolle gespielt haben. Der zweite, hier interessierende, aber hinsichtlich der Heilkunde völlig in den Bereich des Aberglaubens zu verweisende Teil handelt "de montibus conchiferis et glossopetris Alzeiensibus". Dies in modernes Deutsch zu übersetzen, ist nicht ganz einfach. Da GEYERS, "conchae" und "glossopetrae" nach unserer heutigen Kenntnis fossile Conchylienschalen und Haifischzähne sind, könnte man geneigt sein zu übertragen "Über Conchylien enthaltende Berge und Haifischzähne von Alzey". Aber das hat GEYER gerade nicht sagen wollen (Deshalb wird im Folgenden das in GEYERS Arbeit immer wieder verwendete Wort "conchae" einfach mit "Schalen" übersetzt). Denn er hat die Fossilien nicht als Lebensreste anerkannt. Die Frage, ob es solche seien oder wie anders man ihre Entstehung erklären könne, hat ihn aber, obwohl vom ärztlichen Standpunkt eigentlich gleichgültig, stark beschäftigt. Das macht die Schrift auch für uns noch lesenswert.

Versucht man aus GEYERS barock-weitschweifigen, mit vielen Wiederholungen und nebensächlichem Beiwerk überladenen Ausführungen die tragenden Gesichtspunkte herauszufinden und sinnvoll zu ordnen, so läßt sich sein Gedankengang etwa wie folgt zusammenfassen:

Schon die verschiedenen Arten von Schalen, die im Meer vorkommen - schreibt GEYER - seien ein bewundernswertes Naturerzeugnis. Niemand zweifle daran, daß sie aus Salz aufgebaut seien, das von Tieren kunstvoll koaguliert werde.

Um noch erstaunlichere Erzeugnisse handele es sich aber, wenn solche Schalen auch weit vom Meer entfernt, ja sogar in Bergen, wo keine entsprechenden Tiere leben, gefunden würden. So habe er selbst in der Gegend von Alzey mehrere schalenführende Berge beobachtet, einen bei Weinheim, den man den ,"Muschel-Berg" nenne, einen zweiten bei dem Kloster Sion und einen dritten in der Gegend, die "im Thal" genannt werde. Diese Berge enthielten in ihrem Inneren Schalen von verschiedener Gestalt.

Andere Autoren hätten schon ähnliche Vorkommen aus fernen Ländern beschrieben und ihre Entstehung gedeutet. Er - GEYER - wolle nur die Entstehung der Schalen von Alzey untersuchen, weil ihm nur die dortigen örtlichen Verhältnisse bekannt seien.

Einige Leute verträten die Ansicht, der Ortsname Alzey bedeute eigentlich "Altsee" und sei auf einen früher hier vorhanden gewesenen See zurückzuführen, der die Schalen zurückgelassen habe. Tatsächlich werde die Stadt aber selbst in den ältesten Urkunden nirgends Altsee genannt.

Andere glaubten, es handele sich um Überbleibsel der Sintflut. Auch das treffe aber nach seinen - GEYERS - Beobachtungen bei Alzey aus folgenden Gründen nicht zu:

1) Unmöglich könnten sich während der Sintflut so große Mengen von Schalen bei Alzey angesammelt haben, daß zusammen mit dem dazwischenliegenden Sand Berge von solcher Höhe daraus entstanden.

2) Außerdem müßten dann nach dem Naturgesetz die größten und schwersten Schalen zuunterst im Berg, die kleinen leichten aber oben liegen. Tatsächlich finde man aber am Fuß der Berge überwiegend kleine und auf dem Gipfel große Schalen.

3) Ebenso unverständlich wäre es bei Zurücklassung durch die Sintflut, daß man die Schalen nur in vereinzelten Bergen finde, während sie auf benachbarten Ackern und Wegen sowie in anderen Bergen fehlten.

4) Wirkliche Molluskenschalen, wie man sie heute im Meer finde, seien nicht nur - wie die Schalen von Alzey - der Gestalt nach, sondern auch hinsichtlich ihrer Substanz untereinander ganz verschieden. Bei den Alzeyer Schalen träten dagegen nur zwei einander ähnliche Substanzen auf. Besonders bei kleinen Formen eine kreidig-kalkähnliche und bei gewissen größeren Formen eine austern-perlmuttähnliche. Es sei nicht einzusehen, warum zur Zeit der Sintflut die Molluskenschalen ihrer Materie nach so einheitlich gewesen sein sollten.

5) Auf (oder in) schneckenförmigen Schalen von Alzey finde man eine "mater", die außen ähnlich wie Serpentin aussehe, innen aber aus verhärtetem Sand bestehe. Bei Schalen, die von Tieren erzeugt seien, beobachte man Derartiges nie.

Die drei letzten Argumente 3), 4), 5) müßten, wenn sie grundsätzlich richtig wären, auch die Deutung der Alzeyer Berge als normale Meeresablagerungen mit Molluskenschalen ausschließen. Als weiterer Beweis dagegen ist wohl auch GEYERS wiederholte Bemerkung gedacht, daß die Berge aus Sand beständen, aber als Ackerland brauchbar seien, worin er anscheinend einen Gegensatz zu Sandstrand und Dünen an Meeresküsten der Jetztzeit erblickt.

Zur Entstehung solcher Schalen an Ort und Stelle, ohne Meer und ohne Tier - meint GEYER - sei ein dafür geeigneter Ort (locus ad generationem aptus) erforderlich. Es müßten sandiger Boden, Salz und eine steinerzeugende Flüssigkeit (succus lapidescens) zusammenkommen. Er bringt dazu Äußerungen zahlreicher Autoren über verwandte Erscheinungen in anderen Gegenden. Was er vor allem zur Rolle des succus lapidescens umständlich ausführt, läuft, bei vielen Irrtümern im einzelnen, in etwa auf das hinaus, was wir heute als Bildung von Konkretionen bezeichnen würden.

Daß damit allenfalls die Frage nach der Herkunft der Schalensubstanz (materia concharum) beantwortet sein könne und daß die Entstehung der Form (figura) für ihn ungleich schwieriger zu erklären sei, sieht GEYER selbst ein (Difficile est hac in parte quid statuere). Er bringt zunächst die auch von einigen anderen zeitgenössischen Autoren verwendete Formulierung, es handle sich um "naturae lusum" (ein Spiel der Natur), wobei aber völlig unklar bleibt, ob ein bewußt auf die Form hinzielendes Handeln der personifiziert gedachten Natur - oder was sonst? - gemeint ist.

"Quomodo vero agat & cur conchas solum efficiat, nec Oedipus poterit divinari" (Wie die Natur das aber macht und warum sie nur Schalen hervorbringt, wird selbst ein Ödipus nicht beantworten können), bemerkt er dazu nur und geht gleich anschließend wieder zu einer ähnlichen Erklärung wie bei der Schalensubstanz über. Die ganz verschiedene Gestalt der Dinge, die bei Alzey oder anderswo in den einzelnen Bergen entstehen (z. B. auch Glossopetren, Ammoniten, Achate, Kristalle) soll nämlich von der besonderen Eigenart der jeweiligen Örtlichkeit (loci apta et peculiaris natura; aptitudo & convenientia particularum ac loci fortuitum) abhängen. Bei der Entstehung der Schalen von Alzey soll vor allem ein besonderer "succus conchifer" mitwirken.

Dem heutigen Leser drängt sich, von manchem andern abgesehen, der Einwand auf, die Eigenart der örtlichen Verhältnisse könne doch keinesfalls erklären, warum die Gestalt der angeblich ohne Mitwirkung eines Tieres im Berg entstandenen Schalen genau der der Muschel- und Schneckenschalen im Meer gleiche. Auf diese Übereinstimmung ist, wie GEYER selbst berichtet, von den Verfechtern der Sintflut-Hypothese immer wieder hingewiesen worden. Trotzdem geht GEYER im Rahmen seiner Erörterungen speziell über die Entstehung der Form mit keinem Wort auf diese Schwierigkeit ein. Die uns selbstverständliche Betrachtungsweise, daß das Gehäuse einer Meeresschnecke in all seinen Merkmalen durch das zugehörige Tier bedingt und daß die Gehäuseform also nur in Verbindung mit dem Tier zu verstehen sei, liegt ihm fern. In einigen über seine sonstigen Ausführungen verstreuten Sätzen kommt vielmehr andeutungsweise eine ganz andere Einstellung zu dem Formproblem zum Ausdruck. Wohl in Anlehnung an die Ideenlehre PLATOS ist GEYER offenbar der Ansicht, daß die verschiedenen Schalenformen sozusagen als abstrakte Ideen überall existieren und daß das Körperlichwerden dieser Formideen auf verschiedene Weise erfolgen könne. Als stets nötige Voraussetzungen für die Entstehung körperlicher Schalen sieht er sandigen oder felsigen Boden und das Vorhandensein von Salz an, wozu im Fall der Bildung von Schalen im Meer ein entsprechendes Tier und bei der Entstehung von Schalen in den Bergen ein entsprechender "succus conchifer" hinzukommen müßten. Auf eine dritte Möglichkeit der Formverwirklichung - als Negativ - scheint GEYER die bei Alzey in einzelnen Steinbänken und Konkretionen häufigen Abdrücke und Steinkerne zurückführen zu wollen.

Offenbar ist ihm nicht klar geworden, daß diese Formgebilde im Stein nur Abgüsse einstmals vorhanden gewesener positiver Schalenkörper sind. Für GEYER ist also die Schalenform als solche das Primäre und die Beziehung zu einem Tier nicht notwendige Voraussetzung sondern nur eine von mehreren Möglichkeiten des Auftretens in der Körperwelt.

Diese seltsamen, in ähnlicher Weise auch von einigen Zeitgenossen GEYERS vertretenen Ansichten bedürfen heute keiner Widerlegung mehr. Sie sind aber bemerkenswert als Beispiele der unkritischen Denkweise, die den meisten Schriften über Fragen der Erdgeschichte bis weit ins 18. Jahrhundert hinein zugrunde liegt. Nicht ganz zu Unrecht hat G. CHR. LICHTENBERG später zu dieser Literaturgattung bemerkt, daß sie, wenn auch nicht Beiträge zur Geschichte der Erde, doch einen sehr merkwürdigen Beitrag zur Geschichte des menschlichen Verstandes, und zwar seiner Verirrungen, darbiete.

Ziemlich ausführlich äußert sich GEYER auch über die Glossopetren der Gegend von Alzey. Er erwähnt, daß er solche "uff dem Grund" gefunden habe und daß sie von den Einheimischen "Vogel-Zungen" genannt würden. Sie kämen auch in den Steinbrüchen von Flonheim vor. Wegen ihrer Entstehung verweist er auf das über die Schalen Gesagte.

Die angebliche Heilwirkung von Alzeyer Schalen und Glossopetren wird von GEYER ebenfalls eingehend behandelt. Die Mainzer Ärzte, schreibt er u. a., seien erfahren in der Anwendung der Glossopetren von Flonheim und kauften sie deshalb auf.

In seiner Heimat würden Glossopetren z. B. beim Zahnen der Kinder empfohlen. Man hänge sie dann in Silber gefaßt den Kindern um den Hals. GEYER meint allerdings - hier recht lebensnahe - die Kinder könnten wohl, damit ihre Zähne durchbrächen, ebensogut auf einen anderen harten Gegenstand beißen.

Erwähnt sei schließlich, daß GEYER seiner Abhandlung eine Bildtafel mit Fossilien aus der Gegend von Alzey beigefügt hat (vgl. Abbildung). Trotz teilweise mangelhafter Wiedergabe sind Ostrea callifera LAM., Pedalion sp., Glycymeris obovata LAM., Turris duchasteli NYST und Haifischzähne eindeutig zu erkennen. Bei einigen abgebildeten Schnecken läßt sich mindestens vermuten, daß Tympanotonos-Arten aus dem Cyrenenmergel oder den Cerithienschichten gemeint sind.

Schriften:

GEYER, J. D.: Thargelus, Apollini sacer, continens trigam medicam, ex regno animali, minerali, et vegetabili,
I. De Cantharidibus,
II. De montibus conchiferis et glossopetris Alzeiensibus Archipalatinis,
III. De Dictamno.
Ad mentem S.R.I. Naturae Curiosorum descriptam. - Francofurti, Impensis
Georgii Heinrici Oehrlingii, 1687

Anschrift des Verfassers: Dr. THEO SCHELLMANN, 645 Hanau, Wilhelmstraße 9.